Supermarkt – Schlüsselerlebnis
Eigentlich habe ich ja meine Standard-Supermärkte, die ich je nach Bedarf aufsuche, um mich mit den alltäglichen Notwendigkeiten des Lebens zu versorgen. Eines Tages jedoch verließ ich meine übliche Umlaufbahn, suchte ein mir bis dato unbekanntes Shopping-Paradies auf und litt noch Wochen später unter den Erinnerungen an die dort gemachten Begegnungen mit der Zukunft.
Schon beim Betreten wunderte ich mich über eine Dame, die hinter einem Pult stand und guckte. Gut, ich kenne diese Art von Arbeit Überwachung aus Asien, dennoch erstaunte es mich, einen solchen Aufpasser zu sehen, nicht aber die zu beaufsichtigenden Mitarbeiter, welche Tüten akribisch mit Einkäufen füllen. Spanisch kam mir das vor. Irritiert ließ ich meinen Blick schweifen – und ups, was war das… sah aus wie ein Trainingslager für zukünftige Supermarktmitarbeiter, denn die Arbeitsabläufe wirkten eher unbeholfen und es schwirrten neben meinem viele weitere Fragezeichen durch die klimatisierte Luft des mutierten Tante-Emma-Landens. Wie ein Blitz schoss es mir durch den Kopf: SB-Kassen – und hätte ich nicht im gleichen Moment wahrgenommen, dass es auch noch herkömmliche Kassen gab, die mit ordentlichen Warentransportbändern nebst Kundentrennern, langen Schlangen ausgestatten waren und besonders hervorzuheben: Menschen, Angestellte, die mich vor der Blamage, die unabwendbar mit dem eigenständigen Auslesen der Waren (= Strichcodes so lange über roten Blinker rubbeln, bis es piept, klappt aber nie, kennt man ja) einhergeht. Ich machte den Fehler und ließ mich durch diesen Eindruck von dem dringenden Bedürfnis abbringen, den Laden laut schreiend mit Riesenschritten rückwärts zu verlassen.
Selbst wenn man sich nicht extrem gesund ernährt, führt beim Betreten eines gewöhnlichen Supermarktes bekanntlich kein Weg an der Obst- und Gemüseabteilung vorbei, denn findige Marketingstrategen müssen bereits vor Urzeiten in komplexesten Denkprozessen ausgeklügelt haben, dass der Kunde zu Beginn des Einkaufes dem gesunden Essen zugeneigter ist als mit fortschreitender Dauer. Ich hatte mir jedenfalls all das zusammengesucht, was man für einen ordentlichen Julia-Salat benötigt und bewegte mich höchst verunsichert von diesem multimedialen Brimborium durch kilometerlange Gänge gen Kasse, als ich plötzlich ein dezentes Tippen auf der rechten Schulter verspürte. Die Land-Maus erinnerte mich freundlich daran, dass einem in manchen Märkten beim Kauf von Kilo-Ware tatsächlich noch so viel Vertrauen entgegen gebracht wird, welches ausreicht, um die Kunden ihre Vitamine selbst auswiegen zu lassen.
In diesem Supermarkt, in dem der Kunde sich vermutlich wie Zuhause oder einfach nur königlich fühlen soll und sogar selber bezahlen darf, erschien mir gar nichts mehr unmöglich. Ich nahm den beschwerlichen Weg zurück zur Gemüseabteilung auf mich und war eigentlich nicht mal wirklich erstaunt, als ich dort eine SB-Waage stehen sah. Dafür war ich genervt. Ich schob wirklich viel gesundes Zeug in meinem Einkaufswagen herum und hegte ernstzunehmende Ängste, nun wieder alle Zahlen zusammensuchen zu müssen. Als ich die Waage nach der Aufschrift ‘Nur zur Kontrolle‘ absuchte, stach mir ein Touchscreen mit vielen bunten Bildchen ins Auge. Huch. Was ist das? Hmm… okay, man musste seine Ware tatsächlich selber wiegen, aber der Startbildschirm versprach die automatische Erkennung von Obst und Gemüse, wodurch das Gedächtnis nicht übermäßig mit irrelevanten Zahlen belastet wurde. Ich legte also meinen Ingwer auf die Waage und wartete, denn ich wurde gebeten zu warten: Bitte haben Sie einen Moment Geduld, Ihre Ware wird automatisch erkannt. Genau genommen ist es doch gar nich so schlimm dreimal zwischen Tomaten und Waage hin und herzulaufen, bis man sich irgendwann die richtige Nummer gemerkt hat. Als die Erkennung abgeschlossen war und ich zwischen den Vorschlägen Zwiebel, Weintraube oder Apfel auswählen sollte, begann ich zu zweifeln.
Sodann musste ich mich durch das gesamte Warensortiment tippen – und zwar zig mal. Die automatische Erkennung hat sich standhaft geweigert, meine Einkäufe zu erkennen (eventuell war das Kameraauge von den die Waren umgebenden Tüten irritiert?). Jedenfalls wurden Tomaten zu Birnen, Äpfel zu Karotten und Kartoffeln zu Paprika. Ich beschloss, mich nicht zu beschweren, sondern lediglich halb lautstark auf die Unfähigkeit der Waage aufmerksam zu machen. Leider wählte ich exemplifizierend Limetten zur Vorführung und keiner nahm mich ernst. Konsequenterweise meide ich von nun an diesen ganzen neumodischen Kram und kaufe ausschließlich auf dem Markt oder beim Shopblogger ein, dessen monopolistische Position bezüglich der Berichterstattung über das bremische Supermarktleben ich hochachtungsvoll anerkenne.

[...] (Fortsetzung) [...]